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Der bunte Stein erzählt seine Geschichte mittelstreu Wie sieht's eigentlich unter unseren Füßen aus? Einen Einblick in die Innenwelt
ihrer Heimat konnten kürzlich die Mittelstreuer werfen.
Ein heftiger Sturm wühlt den Ozean auf, meterhoch tanzen die Wellen. Friedlich weiden ein paar Quastenflosser die meterhohen Tangwälder ab,
unter ihnen, tief am Grund, haben sich's die Muscheln und See-Anemonen am Kalkriff bequem gemacht.
250 Millionen Jahre später hat die kleine Unterwasserwelt einen durch und durch oberirdischen Namen:
Eiersberg. Und der liegt, als mächtiger Riese aus Muschelkalk und Buntsandstein, über Mittelstreu.
"Wasser und Wind waren beteiligt, als diese Schichten entstanden", erklärt Matthias Liebst. Woher
er das weis? Ganz einfach: Der Taschenkalender der Erdgeschichte liegt, fein säuberlich in Ein-Meter-Kisten verpackt auf seinem Hof. 170, um ganz genau zu sein. Der Inhalt: Jeweils 30 Kilogramm schwere Bohrkerne,
aus einem 15-Zentimeter-Loch im Eiersberg entnommen.
Vier Wochen lang haben Mitarbeiter des geologischen Landesamtes mit Spezialgerät an dem Loch gearbeitet. Um ein anderes zu füllen. Das Wissensloch in den
geophysikalischen Besonderheiten Unterfrankens soll endlich gestopft werden. Irgendwann wird dann umfassenden Katalog für ganz Bayern vorliegen.
"Eine reine Forschungsbohrung ", erklärt Liebst. Der
Zweite Bürgermeister war mit der Bohrung in mehrfacher Hinsicht verwickelt. Zuerst sollte auf seinem Grund und Boden gebohrt werden, dann half er den Wissenschaftlern, das nötige Bohrwasser aufzutreiben. Zu guter
letzt suchten die Geologen auch noch nach einem sicheren Lagerplatz für die Bohrkerne. Den fanden sie auch - auf dem Hof von Liebst.
"Da habe ich mir gedacht: Packen wir die Sache doch gleich richtig
an", lacht Liebst: Denn die Mittelstreuer waren natürlich interessiert an der Erdgeschichte, die sich da unter ihren Füssen in Stein verewigt hat. "Der Bohrleiter Walter Freudenberger hat mir Unterlagen
gegeben, mir vieles erklärt, und ich habe dann den Kindergarten, die Schulklassen und runs 100 Mittelstreuer über die Strecke der Bohrkerne geführt".
Recht hat er: Wenn solche Bohrungen schon aus
öffentlichen Mitteln finanziert werden, dann "sollen sich die Leute doch auch informieren dürfen", meint der Hobby-Geologe.
Schön bunt sind sie, die Bohrabschnitte. Grün, rot,
schwarz-weiß-marmoriert. Und ab einer Tiefe von 120 Meter taucht so genanntes "Marienglas" auf. Reiner Gips, der durch den Gesteinsdruck so verhärtet ist, dass das Licht durchscheinen kann. Wäre das nicht
eine schöne Deko-Idee? "Geht leider nicht. Die Bohrkerne werden bald geholt. Dann geht's ab nach Wackersdorf, wo die Geologische Landesanstalt ein großes Lager für solche Materialien unterhält", sagt
Liebst. Und wer weiß: "Vielleicht macht dann irgendwann mal einer seinen Doktor über die erdgeschichtlichen Ablagerungen im Eiersberg".
In der nächsten Woche werden die Forschungs-Bohrungen in
benachbarten Lebenhan fortgesetzt. Aber vorher wird das 170 Meter tiefe Loch im Berg wieder versiegelt. Eine Woche lang werden zwei Mitarbeiter mit dem Verfüllen der Röhre beschäftigt sein. Also keine Angst beim
nächsten Spaziergang. Denn reinfallen kann keiner.
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