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gemeinde oberstreu                            von architekturweb

Alles, was das Gemeinschaftsleben braucht
  
Oberstreu (evk) Die Ideen sollen aus dem Dorf für das Dorf kommen. Dieser Gedanken ist für Baudirektor Reinhold Geistmann von der Direktion für ländliche Entwicklung bei der Dorferneuerung das Maß der Dinge. Die ganze Bandbreite der Ansatzpunkte und Möglichkeiten riss er in seinem Vortrag grob an.

Die Infrastruktur im Dorf: "Straßen sind die Lebensadern", unterstrich er und stellte Möglichkeiten vor, um den Lebensraum Straße sicherer zu machen. "Wenn ein Gehsteig die Grenze deutlich macht, wird der Autofahrer immer schneller fahren als wenn er überlegen muss, wo ist Fahrbahn, wo Fußgängerbereich." Gerade für Mittelstreu eröffnen sich hier ja neue Möglichkeiten, sobald die Bundesstraße aus dem Ort heraus verlegt ist.

Unter dem Stichwort Infrastruktur nannte Geistmann aber auch familiengerechte Freizeitangebote sowie die Einkaufs- und Versorgungssituation. Gerade hier hätten viele Dörfer Verluste erlitten. Oftmals gebe es weder Post noch Dorfladen, Bäcker oder Metzger, Arzt oder Kindergarten mehr. "Überlegen Sie, was Sie brauchen - und wie man es organisieren kann."

Die Grüngestaltung im Dorf: Wenn Straßen die Lebensadern sind, dann bilden Bäume das grüne Rückgrat im Dorf. "Aber sie brauchen auch ihren Raum - gerade bei den Wurzeln wird das schnell vergessen", legte Geistmann den Bürgern ans Herz. Ebenso wie die dorfgerechte Gestaltung der Gärten und Fassaden überhaupt. Einheimische Gehölze waren ein Stichwort, regionale Materialien etwa beim Zaun ein anderes. Und: "Die Pflege darf keine körperliche Schwerstarbeit erfordern - schließlich liegt sie überwiegend bei den Frauen."

Einkommenserzielung im Dorf: Zum einen warnte Geistmann vor überzogenen Hoffnungen im Zusammenhang mit der Autobahn, zum anderen regte er dazu an, sich Gedanken zu machen, wie Arbeitsplätze im Dorf erhalten bzw. neu geschaffen werden können. "Damit die Jugend nicht weg muss." Dazu gehört die Unterstützung bäuerlicher Familienbetriebe durch Wahrnehmung der Direktvermarktung.

Die Kinder im Dorf: Die Wünsche der Kinder sollten mit einfließen, befand der Referent, zum Beispiel, indem die Dorferneuerung in der Schule thematisiert wird. Spielmöglichkeiten und sichere Straßen sind ihm genauso wichtig wie Projekte für und mit Müttern, die sich gegenseitig austauschen, unterstützen und entlasten können. Etwa durch einen gemeinsam auf die Beine gestellten Babysitterdienst oder eine Hausaufgaben-Betreuung. "Und das alles kostet, nebenbei bemerkt, nicht mal was."

Die Jugend im Dorf: Ihre Visionen sollten genauso ernst genommen werden, forderte Geistmann. Aktivitäten, die der Identitätsfindung dienen, sind ebenso gefragt wie Kulturarbeit und das Gespräch mit den Älteren im Dorf.

Alte Menschen im Dorf: "Wer, wenn nicht die Alten, weiß noch etwas über das Leben in früheren Zeiten, über unsere Wurzeln?" Ihre Erfahrung, ihren Wissensschatz mit einfließen zu lassen, hielt Geistmann für besonders wichtig.

Überhaupt müsse es mehr Miteinander zwischen Alt und Jung geben, wie es noch vor einigen Jahrzehnten selbstverständlich war. Zum Beispiel in der Nachbarschaftshilfe. Die Seniorin von nebenan, die mit der Nachbarin im Auto zur Verwaltung in die Stadt fährt, hütet als "Oma" ja vielleicht auch mal die Kinder, wenn die Mutter Besorgungen erledigen möchte. "Ein Geben und Nehmen, das wir fast verlernt haben."

Gemeinschaftsleben im Dorf: Kommunikation miteinander und Verständnis füreinander zu fördern, sieht Geistmann als wichtige Aufgabe an. Etwa mit Neubürgern oder ausländischen Bewohnern. Auch hier könnten neue Formen der Nachbarschaftshilfe greifen.

Brauchtum und Tradition im Dorf: Historische Plätze und Gebäude zu erhalten und zu gestalten hat hier ebenso seinen Platz wie die Pflege regionaltypischer Bräuche.
 
Nicht ohne meinen Ortsteil
 
Oberstreu "Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit zu erleichtern, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten Meer." Ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry stellte Reinhold Geistmann ans Ende seiner Ausführungen zur Dorferneuerung in Ober- und Mittelstreu. Beide Orte stehen an erster Stelle zur Aufnahme ins ländliche Förderprogramm.
Die Sehnsucht zu wecken hatte der Mann von der Direktion für Ländliche Entwicklung eben gerade versucht. Hatte den rund 120 Bürgern in der Mehrzweckhalle in Oberstreu die Ziele, die Philosophie der Dorferneuerung dargelegt. Versucht, in ihnen den Wunsch nach dem "neuen" Dorf zu wecken, das in vielen Punkten Qualitäten vergangener Generationen mit zeitgemäßen Einrichtungen verbindet. Nachbarschaftshilfe und ein besseres Miteinander einerseits, moderne Technik andererseits.

"Dorferneuerung bezieht sich nicht nur auf das Verschönern von Straßen und Fassaden, sondern auch auf den sozialen, den gesellschaftlichen Bereich", sprach Geistmann "innere Werte an, die zur Lebensqualität beitragen".

Dorferneuerung meine ganz allgemein eine Verbesserung der Lebens-, Wohn- und Arbeitsbedingungen - unter Erhaltung des ländlichen Charakters der Siedlung und der sie umgebenden Kulturlandschaft.

Aber, und das betonte Geistmann ausdrücklich: "Dieser Prozess muss von den Bewohnern mitgetragen werden." Die Bürger in Ober- und Mittelstreu müssen sich Gedanken machen über ihre Identität als Dorf. Über ein Leitbild. Dazu gehört die Besinnung auf die historische Entwicklung: "Woher kommen wir?" Die Gegenwart: "Wer bzw. was sind wir?" Und die Zukunft, die nächsten Jahrzehnte: "Wohin wollen wir?"

Erst wenn diese Hausaufgaben erledigt sind, werde endgültig über die Aufnahme ins Dorferneuerungsprogramm entschieden.

Zu diesem Zweck rief er die Bürger zur Mitarbeit auf. Erster Schritt ist ein zweitägiges Seminar rund um die Dorferneuerung, ihre Chancen und Möglichkeiten am 7. und 8. März an der Schule für Flurentwicklung auf Kloster Langheim bei Lichtenfels, an dem 15 bis 25 Interessierte teilnehmen können. Das Seminar ist für die Teilnehmer kostenfrei. Die Gemeinde trägt jeden Platz mit 70 Euro mit.

"Wir wollen Sie motivieren, Ihnen Rüstzeug vermitteln, Ihr kreatives Potenzial und Ihre Kommunikationsbereitschaft wecken und fördern", versprach Geistmann. Auf dass die Seminarteilnehmer als Multiplikatoren mit ihrer Begeisterung, ihrem Elan die Mitbürger anstecken und gemeinsam möglichst viele Ideen zur Neugestaltung und Bereicherung des Dorfs entwickeln.

Ausgehend von diesem Seminar sollen sich dann Arbeitskreise bilden und Vorstellungen, ja Visionen entwickeln. Für diese Arbeit rechnet Geistmann erfahrungsgemäß bis zu zwei Jahre ein.

Dann kann der Dorferneuerungsplan aufgestellt werden, können Fördergelder fließen. Für private Vorhaben im Rahmen der Fördersätze, die je nach Objekt und Ausführung zwischen 15 und 40 Prozent liegen, im Prinzip sofort. Für öffentliche Vorhaben im Rahmen eines festgelegten Budgets und Zeitrahmens, den letztendlich auch die Finanzkraft der Gemeinde mitbestimmt. Dazu gibt es in der Regel 50 Prozent.

Genaue Zahlen mochte Geistmann schon deshalb (noch ) nicht nennen, um der Fantasie der Bürger nicht von vorneherein unnötige Zügel anzulegen. "Manchmal entwickelt sich ein Wunsch-Projekt - und findet dann auch noch alternativ oder zusätzlich zur Dorferneuerung Fördermöglichkeiten", machte er Mut zum Träumen. Gemäß der Devise "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg".

Bürgermeister Stefan Ledermann äußerte sich zuversichtlich, "dass die Gemeinde ihre Hausaufgaben machen wird", auch wenn sich an diesem Abend noch niemand spontan für das Seminar meldete.

Interessierte Personen aus beiden Ortsteilen, "möglichst ein Querschnitt durch alle Alters- und Interessengruppen, darunter natürlich auch viele Frauen", bat er, sich bis spätestens Freitag, 14. Februar, in der Verwaltungsgemeinschaft unter Tel. (0 97 76) 6 08 49 zu melden oder ihm selbst eine kurze Nachricht im Briefkasten zu hinterlassen.

Er betonte auch noch einmal, wie wichtig es ihm gewesen war, dass beide Ortsteile in den Genuss der Dorferneuerung kommen. "Nur einem Ortsteil allein hätte ich nicht zugestimmt."